Donnerstag, 30. Januar 2014

I Know Where Effi Briest Lives



Es ist der Tag der deutschen Einheit, Herbstblätter bedecken den Asphalt. Entlang prächtiger Bauten führt vorbei an einem urigen, „Das Leben, ein ewiges Rätsel / Der Tod, für immer ein Geheimnis“ proklamierenden Friedhof der Hochbucher Weg geradewegs zu auf einen Hügel, an dessen Spitze steht eine beschauliche Villa mit der Haus- nummer 45. Ein älterer Herr erblickt davor meine bescheidene Wenigkeit stehen und wendet sich an mich mit den Worten: „Jaja, hier lebte einst die Effi Briest.“ Persönlich hätte er besagte Dame nie kennengelernt; trotz schütterem Haar und Falten, in denen ein langes Leben ruht, ist der zeitliche Unterschied dafür zu groß. Doch die längst verschiedene Nachbarin hätte das Fräulein noch gekannt, als es 1918 von Berlin nach Lindau am Bodensee gezogen sei, wo sie bis zu ihrem Tode verblieb. Einen eigenen Kopf hätte sie schon immer gehabt und verrückt sei sie allemal gewesen; ob positiv oder negativ, bleibt das Väterlein unentschlossen. Unvermittelterweise bemerkt er, dass die Zeiten anno dazumal halt anders gewesen wären und man sich nicht so einfach hätte trennen können. „Sie wollte die Scheidung einreichen“, spricht er zu mir und doch wie zu sich selbst; ein weites Feld, wie Theodor Fontane sagen würde.

Es ist der 03. Oktober, gleichermaßen Hochzeits- wie Schicksalstag im Leben der Romanfigur Effi Briest. Auf Drängen der Mutter hin vermählt sich die 17-Jährige mit dem 38-jährigen Geert von Inn- stetten, einem Mann von Disziplin, Ordnung und Ehrenkodex, immerzu auf Karriere und gesellschaftliches Ansehen bedacht. Effi vereinsamt an seiner Seite, fehlende Huldigungen, Anregungen und kleine Auf- merksamkeiten treiben den Schön- und Freigeist schließlich in eine Affaire mit dem 44-jährigen Major von Crampas, der Effi bietet, wonach sich ihr Naturell sehnt: Zerstreuung, Abwechslung, Leicht- sinn. Als das Ehepaar auf Innstettens Beförderung hin von Kessin nach Berlin übersiedelt, beendet Effi die Affaire. Sechs Jahre später fällt Innstetten jedoch durch einen unglückseligen Zufall der eindeutige Briefwechsel zwischen Effi und ihrem Liebhaber in die Hände und Innstetten sieht sich, entehrt und gekränkt, gezwungen zu handeln: Er fordert Crampas zum Pistolenduell heraus, wobei Crampas die todbringende Kugel trifft. Anschließend lässt sich Innstetten von Effi scheiden und entzieht ihr das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Annie. Nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus in Hohen-Cremmen verstirbt Effi Briest dort als von der Gesellschaft verstoßen-verachtete Ehebrecherin im Alter von 29 Jahren. In einem Brief, datiert 18. Oktober 1895, schreibt Fontane: „Das ist nun also Effi. Schenken Sie ihr die Liebe, die sie menschlich so sehr verdient."

Es ist die Person und Geschichte der Elisabeth von Plotho, nach der Fontane "Effi Briest" konzipiert hat. Beruhend auf dem Ehebruch- skandal von 1886, bildet diese Angelegenheit um „Else“ von Plotho samt dem folgenschweren Pistolenduell zwischen Ehemann Armand Léon von Ardenne und Liebhaber Emil Hartwich die Grundlage des Romans. Doch im Gegensatz zur "Effi" stirbt "Else" nicht an Einsamkeit und gebrochenem Herzen, sondern bestreitet unentwegt ihr Leben. Selbst eine erneute Annäherung zwischen ihr und den beiden Kindern findet statt, ehe sie im hohen Alter von 98 Jahren aus dem Leben scheidet. "Die ganze Geschichte ist eine Ehebruchgeschichte wie hundert andre mehr und hätte, als mir Frau von Lessing davon erzählte, weiter keinen Eindruck auf mich gemacht, wenn nicht die Szene bez. die Worte: »Effi, komm« darin vorgekommen wären. Der Zuruf machte solchen Eindruck auf mich, daß aus dieser Szene die ganze lange Geschichte entstanden ist. An dieser einen Szene können auch Baron A. und die Dame erkennen, daß ihre Geschichte den Stoff gab", schreibt Fontane am 21. Februar 1896 an Publizist und Romancier Friedrich Spielhagen, welcher den gesellschaftlichen Skandal zeit- gleich und ohne jedwede Kenntnis von Fontanes Ausgestaltung der Thematik in seinem Roman „Zum Zeitvertreib“ (1896) verarbeitete.

Es ist der Drang nach Zerstreuung im Strom des Lebens, den die Protagonistinnen Effi Briest - oder im Falle Spielhagens: Klotilde, Madame Bovary von Gustave Flaubert und Anna Karenina von Leo Tolstoi (in entferntem Sinne auch Nora oder ein Puppenheim von Henrik Ibsen) empfinden und dadurch zum Äußersten getrieben werden. Indem sie den Versuch wagen, sich aus ihrem Korsett von Zwängen zu befreien, um Raum in der Seele zu schaffen und entfalten zu können, verstricken sich die Titelheldinnen erst recht im ausweglosen Getriebe der Gesellschaft. Als 1895 "Effi Briest" in Buchform erscheint, einer durch strenge Konventionen geregelten Zeit unter Bismarck, ist der Autor bereits 75 Jahre alt. Als hätte sich Theodor Fontane Zeit seines Lebens für diesen einen Roman warmgeschrieben, fließen darin schriftstellerische Stilistik, Weltanschauung & Gesellschaftskritik formvollendet zusammen. Auszug aus einem Brief Fontanes: „Die größte aller Revolutionen würde es sein, wenn die Welt übereinkäme, an Stelle der alten, nur scheinbar prosaischen Ordnungsmächte die freie Herzensbestimmung zu setzen. Das wäre der Anfang vom Ende. Denn so groß und stark das menschliche Herz ist, eins ist noch größer: seine Gebrechlichkeit und seine wetterwendische Schwäche."

Es ist das feine kompositorische Element der Motivik und Symbolik, dessen sich der Schriftsteller insbesondere in diesem Werk bedient und welches unverzichtbar ist für die Qualität und Geschlossenheit der Handlung. Innere Zusammenhänge herstellend, Geschehen an- bzw. vorausdeutend und psychologische Prozesse der Figuren beleuchtend, lässt sich aus ihren Verweisen ein gehaltvolles Netz motivischer und symbolischer Fäden entspinnen. Wie die Motive (Duellwesen, Spuk, »Effi, komm«) im Verlaufe des Romans an symbolischer Bedeutung gewinnen, erfahren die Symbole (beispielsweise der Chinese als Angstapparat aus Kalkül ist laut Fontane „Drehpunkt für die ganze Geschichte“) an leitmotivischer Bedeutung. Da ihre Grenzen im Laufe des Romans miteinander verschwimmen und fließend ineinander über- gehen, ergeben sie zusammen ein Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner symbolischen und motivischen Anteile: „Einmal trat sie spät abends vor den Spiegel in ihrer Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und her und im selben Augenblick war es ihr, als sähe ihr wer über die Schulter. Aber sie besann sich rasch. "Ich weiß schon, was es ist; es war nicht der", und sie wies mit dem Finger nach dem Spukzimmer oben. "Es war was anderes... mein Gewissen... Effi, du bist verloren." Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen und was an einem Tage geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit."

„Es ist unser Orakel*“, sagt Jessica Stathos, Perkussionistin der Band Effi Briest (am Bass übrigens Elizabeth Hart von den Psychic Ills) über das Werk, nach dem sich die Gruppe benannt hat. „Du nimmst das Buch zur Hand, stellst ihm eine Frage, schlägst es an einer beliebigen Stelle auf und wirst darin die passende Antwort vorfinden", fügt Schlagzeugerin Corinne Jones hinzu und erwähnt weiters die Rainer Werner Fassbinder-Verfilmung aus dem Jahre 1974, deren vollständiger Titel lautet 'Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen'. Fassbinder äußert sich zu seinem Film mit Hanna Schygulla in der Rolle der Effi Briest folgendermaßen: „Dies ist kein Frauenfilm, sondern ein Film über Fontane, über die Haltung eines Dichters zu seiner Gesellschaft. Es ist kein Film, der eine Geschichte erzählt, sondern es ist ein Film, der eine Haltung nachvollzieht. Es ist die Haltung von einem, der die Fehler und Schwächen seiner Gesellschaft durchschaut und sie auch kritisiert, aber dennoch diese Gesellschaft als die für ihn gültige anerkennt... Mein Problem ist gewesen, meine Haltung zu der Gesellschaft, in der ich lebe, dadurch klarzumachen, indem ich versuche, einen Film über Fontane zu machen.“

Es ist ein zu weites Feld.

Sonntag, 26. Januar 2014

Dienstag, 7. Januar 2014

TOY & Listing Ships sound carrying Damo Suzuki

performance at the social
Idle Fret: I went to a TOY in-store at Rough Trade East last year and asked them if they’d like to back Damo Suzuki, along side Listing Ships, at a show I was putting together and they said they’d love to. I was looking forward to this show for ages and June 25th 2013 came around slowly, but when it did, it was really exciting! Luke Insect who designed the show poster came down to play some records and Andrew Weatherall played an hour of Krautrock before Damo and his network of sound carriers played. Bobby Gillespie from Primal Scream wanted to perform with Damo too and was set to come down, but because it was an improvised performance with no Can songs, this sadly didn’t happen. Weatherall played the final song of his incredible DJ set and as the last few bars of The Fall’s I Am Damo Suzuki rang out across the venue, TOY and Listing Ships took to the stage, but there was no sign of Damo. The band started playing as I went to look for him and there he was tucked away in the corner sitting at the merch stall, not having realized that the band had started to play. I led him to the stage and then the crowd witnessed an almighty improvised set of heavy Krautrock for over an hour. It was one long song that could have happily gone on for another hour, as everyone on and offstage was having such a great time. It was definitely one of my favourite Idle Fret shows so far and we raised an amazing £1000 for Cancer Research UK and Macmillan Cancer Support from the proceeds of the show. It was a very special line up and an amazing night! (Darren Brooker)

all photography
by jim donnelly
TOY: It was one of the best times we've ever played music together! I don't think we have actually ever done an improvised thing where we just made it all up, and I totally lost track of time. We played for more than an hour but it felt like only one moment. To have the kind of Godfather Of Improvisation ask us to play with him: The greatest day in my entire life. (Panda The Barron) Damo's network is a really cool method of making music where he just kind of goes around the world and picks up people to play music with. He even sent us an e-mail before just to make sure that we definitely wouldn't arrange any kind of music or practice at all; we literally just played whatever came out. (Dominic O'Dair)

Listing Ships: I've had the pleasure of performing alongside Damo twice before and I've promoted shows for him four or five times in our hometown of Oxford too, so he and I go back quite a long time - the joy of Damo's shows really is that no two are ever the same. The band is unique, but more than that, the music they create only exists for that time and in that place, and I think there's something very precious about that in a time when every experience, musical or otherwise, is recorded and set down for posterity. I love the idea of a groove, a moment that only exists for a few seconds at that one time and never comes alive again. For tonight's show, it was unusual for me in that instead of a band entirely composed of different musicians who've never played together before, tonight it was two very tight, well-rehearsed bands who've been playing together for years, but thrown together at the same time as a backing band for Damo. This meant not only improvising with my own bandmates, but also working with Damo on where he wanted to take the music, and also reacting to and playing with another entire band at the same time. I felt it would have worked better had the two bands been physically mixed together rather than facing off opposite each other as two complete units, but the challenge was exhilarating. Not only that, but a combination of the size of the venue (tiny!), the size of the crowd (big!) and the amount of equipment we had (masses!) meant the audience was tight around us at all times, creating a wonderfully intense atmosphere. I'm usually Listing Ships' bass player, but have played synths and samplers in other bands, so tonight was also a chance for me to cut loose and focus more on keyboards and samples, and so push myself beyond my usual instrument as well. I find what Damo does incredibly inspiring, he's brought together so many musicians, and so much incredible music all over the world, and all with such humility and devotion not to the people involved, but to the music and what it can achieve, frozen in time, for everyone sharing that moment. (Stuart Fowkes)

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Northod: There is no better way to feel secret interaction between musicians than while they are running in live, improvising. Indeed Toy (last bb from UK), Damo Suzuki from the master mystical Can and Listing Ships played a show together in front of my eyes, in an intimate and warm atmosphere at The Social, London. Lots of musicians then, trying to do their best to create a huge massive sound amount of néo-psychedelia and kraut way of thinking during more than 40 minutes with no cessation. Sometimes close to nothing, nevertheless intoxicating by sound intensity and repetitive gimmick from super testosterone-powered bass to weird overloaded guitar delay and misty synthesizer. Definitely a friendly and relaxing climate between such reachable artists and lovely audience. I am happy to see this kind of things (underground comings) still happen in London. (Thom Layan)

Damo: This is what I’m doing every performance, create time and space of the moment with ever changing local sound carriers. This London show together with Toy and Listing Ships from Oxford: The venue was really hot. Already there wasn’t enough space for every sound carrier. (Stage was so tiny) So, some of them performed on floor in middle of audience. As usual I was at merchandising table, almost I missed to join them on the stage if the promoter didn’t pick me up. Member of Toy were very smart young guys and some of them told me they never done live improve. As far as situation after the performance, it must be an amazing time for everybody involved that I’m sure of. Wish many good things happened upon Toy and Listing Ships. (Suzuki)

Sonntag, 5. Januar 2014

lied zum sonntag: je hais les dimanches

Die Gréco hat in ihrer Kehle Platz für Millionen: für Millionen von Liedern, die noch nicht geschrieben sind und von denen leider nur einige noch geschrieben werden. Man schreibt Theaterstücke nur für einen Schauspieler, warum nicht Gedichte nur für eine bestimmte Stimme? Der Schriftsteller, der nur Prosa schreibt, wird wegen ihr seine Wahl bedauern, er wird sich sogar Vorwürfe machen. Wer mit seiner Feder diese schwarzen unscheinbaren Zeichen aufs Papier malt, vergisst allzu schnell die sinnliche Qualität des Wortes. Die Stimme der Gréco erinnert ihn daran: Sie ist wie ein warmes weiches Licht, das mit seinem Funkenschlag die Flamme der Dichter entzünden kann. Nur wegen ihr und um zu sehen, wie sich meine Wörter in Edelsteine verwandeln, habe ich Lieder geschrieben. Es stimmt, sie singt sie nicht; aber damit ich und die ganze Welt ihr danken können, genügt es, dass sie die Lieder der anderen singt. Jean-Paul Sartre