Dienstag, 17. Dezember 2013

PB:track:by:track

by luca bruno
Traumwandlerisch beleuchtet der musika- lische Autodidakt Philipp Bellinger Glanzlichter und Schattenseiten der Wirklichkeit: Seit März diesen Jahres existiert via Regahl records sein zweites Album pb, welches im Herbst 2012 in Eigenregie aufgenommen wurde. Hierfür zum Studio umfunktioniert wurden die heiligen Räume der Berliner KIM Bar: Des Nachtens ein Ort, an dem sich die Klinke in die Hand gibt, wer nichts auf sich hält, verwandelt sich das KIM hinter verschlossenen Türen in ein künstleri- sches Sammelsurium und fungiert beispielsweise als Aufnahmeort, Proberaum oder ewige Kulisse für die Plattencover von Thieves Like Us. Was sich im Innenleben besagten Albums verbirgt, welches diesem Inspirationsquell am Rosenthaler Platz entsprungen ist, erläutert Lied für Lied höchstpersönlich: Dagoberts Pianist & Gitarrist PB :::

Boy In A Tree. Eine Inzest-Geschichte im Garten Eden: Adam und Eva haben einen Sohn. Adam verstirbt an einer mysteriösen Krankheit, Eva haut ab und lässt den gemeinsamen Knaben im Paradies zurück. Die Mutter verlangt von ihm, dass er Adams Platz einnimmt, um ihre Sünde zu vertuschen und die angeblich natürliche Ordnung wiederher- zustellen. Jedoch spielen für die Gefühlslage des Jungen weder christliche Menschheitsgeschichte noch Freud'sche Sexualtheorien (Ödipuskomplex) eine Rolle; der Knabe weigert sich und versteckt sich stattdessen auf dem Baum der Erkenntnis. Symbolhaft wird dargestellt, was in seiner Komplexität sonst kaum zu erfassen wäre: Letztendlich geht es um die Auflehnung der Jugend gegen erfundene, verlogene Weltbilder und das Gefühl eines Heranwachsenden sowohl Ursache als auch Produkt der Verfehlungen seiner vorigen Generation zu sein. Gedacht als musikalischer Aufschrei mit einer Saxophon-Begleitung, die ich wahrscheinlich irgendwo bei Bowie aufgeschnappt habe.

1st Dreamsong. Mit einem Bass von The Cure, Geflüster und allerlei seltsamen Piano-Klängen versuche ich eine traumartige Atmosphäre zu erzeugen, um einen tatsächlichen Traum von mir nachzuerzählen: Ich bin ein Kannibale und meine Liebste versteckt mich in einem Geheimzimmer. Sie bringt mir täglich Essen, doch eines Tages bleibt ihr Besuch aus. Schließlich durchsuchen ihre Freunde, Angehörigen oder die Polizei das Haus und finden mich. Es stellt sich heraus, dass sie sich selbst, Stück für Stück, an mich verfüttert hat. Ich werde verhört, aber hatte ja keine Ahnung, was sie mir zu Essen gab und so verwandle ich mich in einen Heilbutt, einen hässlichen Fisch wie in dem Märchen „Der Fischer und seine Frau“ und springe in einen Zaubersee. Dort höre ich die Stimme meiner Liebsten aus einer anderen Sphäre zu mir sprechen. Sie sagt, dass sie mich eines Tages angeln und anschließend zu Hause in der Pfanne braten werde; somit werde ich dann von ihr verspeist werden. Ein surreales Bild für eine Liebesbeziehung. Laut Traumsymbolik ist der See die Heimat magischer Weiblichkeit, der Fisch symbolisiert die Gefühlswelt, das Unter- bewusste. Ein Kannibale ist jemand, der eine Beziehung aufnehmen möchte, aber gleichzeitig noch emotionaler Besitz einer anderen Person ist. Zum Thema Verhör steht im Traumlexikon: “Der Träumende geht mit sich selbst hart ins Gericht und hinterfragt die Richtigkeit seines Verhaltens. Neben dieser Selbstanalyse kann sich durch ein Verhör auch der Wunsch nach stärkerer Einbeziehung in eine Gemeinschaft ausdrücken: Man hat etwas zu sagen und braucht Zuhörer.”

Down By The Pier. Alles begann mit einer handkolorierten Postkarte: Das Motiv war der Brighton Pier bei Nacht, ganz klein im Bild die Silhouette eines Mannes. Der Song ist ein episches, sentimentales Werk mit augenzwinkerndem Sprechteil und ebenso klassischem Saxophon. Ich bringe Dinge, die man eigentlich nicht richtig ernst meint, gerne so dar, als ginge es um Leben und Tod. Vielleicht wollte ich ja eine Lanze brechen für alle unheilbaren Romantiker.

Stranger. Zwei Schützengräben im Ersten Weltkrieg, in jedem hockt ein Soldat. Sie sind Feinde und doch gleicht sich ihre Situation so sehr, dass sie sich in ihrer gottverlassenen, absurden Lage das einzig Vertraute sind. Nebelschwaden ziehen über eine zerschossene Landschaft, das verzweifelte Saxophon von Max Hacker weint zärtlich über verlassene Schlachtfelder. Wie unmöglich es den Menschen doch ist, sich einander wirklich zu nähern.

by dada imhoff
Be Still And Shine. Imitieren ist mein Ding und ich wollte auch so etwas machen wie Jeans Wilder in seinem schönen Lied 'Sparkler', welches mir Zara auf ein Mixtape gepackt hat. Die Message lautet in etwa: Lass uns aufhören zu streiten, halte den Mund und lass mich dich einfach so sehen wie du bist, ohne vergiftete Ge- schichten. Das kann, muss sich aber nicht an jemand anderen richten, solche Dinge kann man sich getrost auch mal selbst sagen. Und falls man sich fragt, wo er denn sein soll, dieser Ort nicht weit weg von all dem Wahnsinn, an dem man wie in einer kleinen Rettungsblase einfach still sein & strahlen kann, dann hört man gleich an den liebevollen Melotron-Streichern, dem wiegendem 6/8-Beat und der in weichem Hall gebetteten Tweng-Tweng Gitarre: Dies ist der Ort, genau hier in dem Song.

In Her Heart. Die Irre. Sie kommt von irgendwo und geht nach nirgendwo. Deppen-Männer wie ich denken gönnerhaft, sie wären einzigartig genug, um dieses gestrandete Wesen zu retten und vor der banalen Lächerlichkeit dieser Welt zu schützen. Doch die Irre will gar nicht gerettet werden! Sie nimmt so ziemlich alles, gibt nichts und wenn sie merkt, dass sie sich und den anderen nicht mehr lange was vormachen kann, zieht sie weiter. Musikalisch irgendwo an 'Hitsville UK' von The Clash und 'Easy Lover' von Phil Collins angelehnt, welche ja wiederum an Motown Soul angelehnt sind, was für meinen Song aber eigentlich Wurst ist. Denn hier sollen eher Gefühlswelten evoziert werden, denen mit einer normalen Erzählung nicht mehr beizukommen ist. Wichtig ist mir nur, dass es in der Musik eine treibende Bewegung gibt.

When I Was A Girl. Hier steckt ein bisschen von 'Time Machine' drin, einem der vielen tollen Stücke der 90er Jahre Band RIDE, zu deren Musik ich viele Tage verträumt habe Damals war ich ungefähr 15 Jahre alt und hing im schwarzen Schwarzwald rum. Ich mochte nicht saufen, ich mochte nicht kiffen, ich mochte mich nicht für Mädchen interessieren und wollte offensichtlich das Phantasiereich meiner Kindheit nicht verlassen. Ich dachte Erwachsenwerden bedeute, alles Märchenhafte zu verlieren, um dann auf einmal dafür bezahlen zu müssen. Natürlich wollte ich sowieso auch kein Mann werden und auch keine Frau, weil die ja von den Männern misshandelt werden. So habe ich mich für beide Rollen nicht interessiert; weder für den Schinder noch die Geschundene. Ich beschloss ganz tief in meinem Inneren, immer ein kleines Mädchen zu bleiben, um mir dann selbst beim Zaubern helfen zu können.

Up In The Castle. Eine politische Parabel: Die Oberen sind ja nicht wirklich anders als wir, sie leben einfach in einer anderen Welt. Sind sie glücklicher? Der Zusammenhang von Begehren (desire) und Schande (shame) mag etwas platt wirken, sprich die Meinung, dass Erfolg, Geld, Macht nur möglich seien, wenn man zu Schandhaftem imstande ist. Mit dem Gitarrensolo am Schluss huldige ich dem Gitarristen der Scorpions: Rudi Schenker. Obwohl er eigentlich der Rhythmusgitarrist ist, spielt bei den Balladen fast immer Rudi die gefühlvollen Soli.

So Near / So Far. … ist ein nach Genuss der Carl-Theodor Dreyer Filme 'Vredens Dag' (Day Of Wrath) und 'Ordet' (The Word) im absoluten Schockzustand spontan auf Diktiergerät festgehaltenes Instrumentalstück.

Engel gefunden. Ich stell mir immer vor, der Song würde von Stefan Sulke produziert werden und Hildegard Knef sänge ihn ein. Der Text ist eine leicht überarbeitete Version eines Songtextes, den mir mein Kumpel Wolfram Lotz - inzwischen erfolgreicher Verfasser absurder Theaterstücke – einmal gegeben hat. Das kam so: Ich bat ihn, mir einen deutschen Text zu schreiben, damit ich einen Song daraus machen könnte. Was er mir schließlich schickte, berührte mich dermaßen, dass ich vor Aufregung fast heulen musste. Es kostete mich ziemlich viel Arbeit, den Zeilen eine Melodie abzuringen, aber ich wollte nicht versagen und unbedingt der Tiefe und Poetik der Wörter musikalisch gerecht werden. Heraus kam eine recht ruhige Nummer mit dem Titel 'Alles, Was Zu Sehen Ist'. Ich schickte ihm die Aufnahmen und wartete gespannt auf Antwort. “Tut mir leid wegen der Scheiß-Lyrics”, schrieb er mir. “Da konnte ja nix bei rauskommen. Sorry. Hier haste einen neuen Text.” So entstand 'Engel gefunden'. Für mich ist es kein religiöses Lied, vielmehr geht es um Verantwortung, die wir immerzu gerne an andere, höhere Instanzen abgeben wollen.

The Fence. Dieses Pathos-getränkte Bombaststück könnte ein Hit für Coldplay sein (die ich nicht ausstehen kann), wenn die Lyrics nicht so komisch wären. Zunächst gibt es eine nihilistische Philosophie über Wahrheit als Ansammlung von Dingen, die in toten Winkeln liegen. Das liefert die Grundlage für ein surrealistisches Bild über Entscheidungen. “To Jump To One Side Of The Fence” bedeutet in etwa: sich für eine Sache entscheiden. Warum Menschen sich oft so schwer tun sich zu entscheiden, könnte daran liegen, dass das vollständige Erkennen der Verhältnisse mit all ihren Wahrheiten unmöglich ist. Im Allgemeinen wird nun aber gesagt, eine beliebige Entscheidung sei in der Regel besser, als gar keine Entscheidung zu fällen. Andererseits finde ich auch etwas an dem Spruch: “When In Doubt, Do Nothing”. Der Song soll diesen Zustand beschreiben: Man hat erkannt, dass die reine Wahrheit unmöglich zu ergründen ist und verharrt somit im Zweifel. Man balanciert auf dem Zaun. Aber wer sind die beiden links und rechts des Zaunes? Sie werfen sich vertrauensvoll über den Zaun hinweg zu, was ihnen das Wichtigste ist (the nest). Was für ein verkopfter Unfug! Wenigstens habe ich kein Buch darüber geschrieben, sondern nur einen Song mit einer eingängigen Hook.

This Man Must Fall. Mein persönliches Death Of A Ladies' Man. Unser verrückter Lieblings-Chilene Jakob Snorewell hat mir einmal Tarot-Karten gelegt, welche ihm seine Großmama überlassen hat. Dabei kam heraus, dass meine Affinität zum Spiel und mein hedonistischer Lebensstil der Niedergang dessen sein werde, was meinen eigentlichen Charakter ausmacht.“Uhh, Boss Bellinger, I didn’t know you were so Rock'n'Roll!”, lachte mir mein Kartenleger entgegen, auf den die Deutung der Symbole wahrscheinlich besser gepasst hätte. Dennoch: Damals befand ich mich in einer Player-Phase und fühlte mich nach langen Jahren zermürbender Beziehungsdramen ziemlich gut damit. 

THERE'S PEOPLE YOU REMEMBER AND OTHERS YOU'RE DREAMING OF. AND INBETWEEN THERE IS ME

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Thus spoke Thurston Moore :::

I found Ege Bamyasi in the 49-cent bin at Woolworth's. I didn’t see anything written about Can, I didn’t know anything about them except this okra can on the cover, which seemed completely bizarre. I finally picked that record up, and I completely wore it out. It was so alluring. Something about it made Can seem to be playing outside of rock 'n' roll. It was unlike anything else I was hearing at the time.