Dienstag, 25. September 2012

DIIV im Gespräch

by Danny Krug

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Auf Frauentoiletten muss man warten. Immer. Während ich so anstehe, komme ich ins Gespräch mit einem Mädchen, das nach mir ein Interview mit DIIV geführt hat. Im Gegenzug steht sie jetzt in der Pinkelhierarchie ganz vorne; Das Universum sorgt für Gerechtigkeit.

Als enttäuschter Fan berichtet sie mir von ihrer desillusionierenden Begegnung mit den Jungs und bezeichnet diese als "Kackbratzen". Dass sich die Band nach meinem Interview verabschiedet hat mit den Worten: "Schade, dass wir nicht mehr Zeit haben, das hat Spaß gemacht!", behalte ich in dem Fall lieber für mich.

In der Tat lassen die Herrschaften merklich Slacker raushängen, jegliches Geschehen abseits der Bühne könnte ihnen kaum weniger am Arsch vorbeigehen. Welche Attitüde ist zu erwarten von vier postpubertären New Yorkern in Band-Shirts, die sich nach einem Nirvana-Song benennen, auf ihrer Erfolgswelle Wodka-Mate trinkend im Görlitzer Park stranden und außer Musik Pu$$y & Weed im Sinn haben?

Frontmann Zachary Cole Smith fällt etwas aus der Rolle. Der Kopf von DIIV verweilt in Gedanken die meiste Zeit anderswo und scheint beinahe in seinem überdimensional großen, roten Mickey Mouse Pullover verschwinden zu wollen.

Ich begrüße ihn per Handschlag und stelle mich vor als Minnie Mouse. Dass er nach einem kurzen Moment der Irritiertheit über diesen schlechten Witz lachen kann, zeigt mir: Die Kackbratzen und ich, wir liegen auf einer Wellenlänge.

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Der Legende nach hast du dich letzten Sommer in einem Brooklyner Maleratelier verschanzt. Statt fließend Wasser und Klimaanlage gab es dort Platten und Bücher. Welches Werk resultierte in welchem Lied?

Cole (Gítarre/Gesang): Beispielsweise 'Doused' handelt von der Platte meines Vaters, der in den 80ern in einer Band gespielt hat. Ich habe das Album in meiner Plattensammlung gefunden und bin auf ein Lied gestoßen, das von meiner älteren Schwester handelt, die nicht mehr lebt. Er hat ein Lied über ihren Verlust geschrieben, was ich ziemlich beschissen finde, denn er hat meine Familie verlassen. Wenn er sich so sehr um sein Kind sorgt, warum verlässt er es dann? In dem Lied nehme ich seine eigenen Wörter und Phrasen und verwende sie gegen ihn. Ich drehe den Spieß quasi um.

"Die außergewöhnliche Qualität der Texte gekoppelt mit der musikalischen Undurchschaubarkeit wirft die Frage auf, ob DIIV nicht noch stärker wären mit einem mehr auf den Gesang fixierten Mix." (Auszug aus einem Album-Review zu 'Oshin' von Spectrum Culture.) Fasst ihr die Meinung eines Musikjournalisten bzw. -kritikers als konstruktive Kritik auf oder scheißt ihr drauf?

Cole: Bestimmt könnten wir von einem mehr auf den Gesang fixierten Mix profitieren, aber das entspricht nicht meiner Vorstellung von diesem Album. Die Platte sollte demokratisch sein und nicht auf Gesang basieren.
Devin Ruben Perez (Bass): Der Gesang ist ein Teil des Gesamten und soll mit dem Rest zu einem einzigen Klangozean verschwimmen.
Cole: Henry Miller sagte mal, der schlechteste Musiker sei immernoch besser als jeder Musikkritiker oder so ähnlich. Aus irgendeinem Grund müssen Musikjournalisten ihre Meinung immer begründen. Sie können nicht einfach sagen, ob ihnen etwas gefällt oder nicht. Immerzu müssen sie Referenzen ziehen, wonach es für sie klingt oder woran es sie erinnert. Ich finde es bescheuert, wie Musikjournalisten den Leuten darin behilflich sein sollen, Musik geistig zu erfassen. Wer sich auf Musikjournalisten verlässt, versucht lediglich für sich die Gründe herauszufinden, warum man etwas mag.

Wie wird der Albumtitel korrekt ausgesprochen? Ich bin phonetisch leider ein ziemlicher Idiot.
Andrew Bailey (Gitarre): Das Wort 'Oshin' stammt aus einem Gedicht. Es handelt vom Ozean und wurde geschrieben von einem kleinen Mädchen namens Amanda oder Samantha? Sie wusste noch nicht, wie man 'Ocean' richtig buchstabiert und hat einfach 'Oshin' geschrieben. Das Gedicht befindet sich auf der Innenseite der Platte.

‘Oshin gose crash on my feet / Like a warm per of warm slipers 
The sand flis behind me / With my secrit inside’

Mein Liebling vom Album ist 'Air Conditioning'. Wovon handelt das Lied?

Cole: Letzten Sommer, ich lebte alleine in diesem beschissenen, stickigen Atelier, besuchte ich meine Großeltern im Altersheim. Das Haus war voll mit tristen Gestalten und die Klimaanlage dort dröhnte rund um die Uhr. Es fühlte sich an, als wäre der ganze Komplex eine riesengroße Klimaanlage..

Welches sind eure persönlichen Lieblingslieder?

Andrew: Mein Favorit ist das letzte Stück auf dem Album. Als Cole mir die Lieder schickte, um die Gitarrenparts zu lernen, war ich hauptberuflicher Gassigeher in New York. Ich hörte mir das Zeug an, während ich mit den Hunden durch Manhattan spazierte und Leute beobachtete; 'Home' war der passende Soundtrack dazu.
Colby Hewitt (ehemaliger Smith Westerns-Schlagzeuger): Mir gefallen die beiden 'Druuns' am besten. Sie klingen anders als die restlichen Songs, sind schneller, besitzen mehr Steigerung. Die Gitarren schrammeln vor sich dahin, während der Bass die eigentliche Melodie trägt und führt.
Devin: Für mich ist 'Oshin' das beste und auch tiefgründigste Lied. Es erklingt zum Ende hin, wenn es am meisten drunter und drüber geht; So, wie es sein sollte. Das Lied repräsentiert durch seine Gleichnamigkeit mit dem Album nicht dessen Gesamtheit, sondern ist vielmehr ein weiterer Ozean im Ozean.

Welche Lieder bevorzugt ihr live? 

Andrew: Ich spiele am liebsten 'Doused', dabei können wir so richtig die Sau rauslassen. Unsere Lieblingsbeschäftigung.
Devin: Stimmt, für die Bühne ist 'Doused' wahrscheinlicham am besten geeignet, obwohl ich das Lied lieber mochte, als es noch keiner kannte. Damals hatte der Song immer einen gewissen Überraschungseffekt, aber jetzt warten die Leute richtig darauf.
Cole: Ja, ich hasse das!

Verhält sich das europäische Publikum anders im Vergleich zum Amerikanischen?

Colby: In den Staaten gibt es immer einen Moshpit auf unseren Konzerten. Bis auf Brüssel war das hier bisher eher die Ausnahme, aber dort sind die Leute komplett durchgedreht!

Spielt ihr Zugaben?

Cole: Wir beenden unser Set immer mit einem Cover, aber eigentlich haben wir darauf nicht wirklich Bock. Ich finde Zugaben ziemlich bescheuert.

Sind sie auch! Und dennoch spielen Bands immer wieder das gleiche bescheuerte Zugabe-Spiel. Warum wohl?

Colby: Ganz einfach: Das Publikum erwartet eine Zugabe von dir. Und wenn du sie nicht spielst, heißt es: "Die Band mag ihre Fans nicht."

Zu guter Letzt ein Zitat von Platon: "Musik ist ein moralisches Gesetz. Sie beseelt das Universum, beflügelt den Geist, lässt die Phantasie erblühen und verleiht allen Dingen Freude und Leben."

Andrew: Müsste nach Platons Höhlengleichnis Musik nicht eigentlich einer der Schatten sein, die von der Wahrheit ablenken?

Guter Einwand! Im Zusammenhang mit universeller Harmonie wird Musik eine gesonderte Bedeutung zugesprochen und als etwas Göttliches angesehen. Die eigentliche Frage: Was bedeutet euch Musik?

Colby: Nun, wir lieben Musik! Wenn wir nicht gerade selber spielen, verbringen wir so ziemlich jede freie Sekunde mit Musik hören. Im Moment laufen John Cale und Notorious B.I.G. im Tourvan rauf und runter.
Andrew: Musik spielt so eine große Rolle, sie ist fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Wie Essen und Vögeln.

Dagegen kann Platon einpacken...

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believe the hype! Das Debütalbum 'Oshin' gehört gefeiert und zum Teufel mit allen Endjahreslisten, in denen die Platte keinen Platz findet. DIIV haben eine Perle an Land gespült, die besticht durch Klangbrillanz und Authentizität. Dieser Tonträger ist Zachary Cole Smiths aufrichtiger und gelungener Versuch, aus seiner Funktion als Beach Fossils-Gitarrist herauszutreten und subtil sein Innerstes nach außen zu kehren, gekleidet in ein abstraktes Konzept, bei dem Wasserelemente zusammenfließen, ehe sie sich formvollendet in diesem Solo-Projekt ergießen.

Live löst sich die Band vom wohlgeschliffenen Sound ihres Albums und zerlegt dessen Lieder teilweise bis zur Unkenntlichkeit. Charmant wird 'Oshin' durch den Dreck gezogen wie Kaugummi, der seit sieben Jahren auf der Skalitzer Straße klebt. 

Nachdem der Andrang auf die erste Europatour so groß war, dass die Band in Berlin kurzfristig ein Zusatzkonzert gespielt hat, kehren DIIV bereits im November zurück. Wenn das keine Fanliebe ist!

diiv into the oshin

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